top of page
Suche
  • Alexografie

Sei doch nicht so ...

Aktualisiert: vor 6 Tagen




… Eingeschnappt!


Ein Thema, welches mir schon sehr lange auf der Seele brennt! Ihm wahrsten Sinne des Wortes.

Worum geht es?
Um Hochsensibilität (HSP = highly sensitive person / hochsensible Person).

Geschätzt sind mind. ca. 15 – 20 % der Bevölkerung davon betroffen und müssen sich an jedem Tag ihres Lebens damit auseinandersetzen – ohne wirklich zu wissen, dass sie „hochsensibel“ sind. Denn Hochsensibilität ist kein „Mimimimi“ oder eine Krankheit, sondern eine individuelle Eigenschaft, die sich in verschiedenen Graden zeigen kann. Vor allem gibt es viele positive Aspekte der Hochsensibilität, wie z.B. eine ausgeprägte Kreativität, besondere Empathiefähigkeit und Intuition.


Hochsensibliltät ist nicht zu verwechseln mit dem leicht daher gesagten „Du bist aber ganz schön sensibel, … eingeschnappt ….“ und dergleichen. Dieses ständige sich selbst hinterfragen „Was stimmt mit mir nicht?“ „Warum spüre nur ich das so?“ usw. sind nur einige der Merkmale, warum sich Betroffene als "sonderbar" empfinden und sich oftmals ins Abseits ihres persönlichen Umfeldes begeben oder gar hinein drängen lassen.

Menschen mit HSP gehen nahezu völlig ungefiltert durch’s Leben. Sie reagieren besonders empfindlich auf positive und negative Reize von außen. Ihre Wahrnehmung von Lärm, Licht, Gerüchen sowie sozialen Interaktionen ist besonders ausgeprägt.


Ich erzähle hier über meine persönlichen Erfahrungen als HSP'lerin - von meiner Kindheit an. Das alles fällt mir nicht leicht und sicherlich werde ich mit diesem Blog-Artikel auch keinen Preis gewinnen o.ä. Diesen Druck möchte ich mir ersparen. Vielmehr erhoffe ich mir, dass meine Erfahrungen anderen Betroffenen helfen, ihre Bestimmung zu finden und ein möglichst erfülltes Leben zu führen.

Ich möchte Menschen mit HSP Mut machen, sich aus ihrer ständigen Zerrissenheit zwischen Kopf und Herz zu befreien, damit sie ihrer Intuition
- ihrer inneren Stimme -
lernen zu vertrauen und zu folgen.
 

Im Überblick:
1. Meine Kindheit mit HSP
2. Freundschaft & Verlust
3. Das Dilemma mit dem „Bauchgefühl“
4. Auf dem Weg zum „Erwachsen werden“
5. Ausstieg ins Leben
6. Prägung durch ein „fehlbesetztes“ Elternhaus
7. Einfluss der Großeltern
8. Langer Weg der Selbsterkenntnis
10. Wachsendes Selbstbewusstsein
11. Erkenntnisse und Weiterentwicklung
12. Vergebung
13. Nachwort


Meine Kindheit mit HSP

Bereits in meiner frühesten Kindheit spürte ich, dass die Wahrnehmung meines Umfeldes weit über das eines „normalen“ Kindes hinaus ging. Hektisches Umhertreiben von Menschen war für mich nahezu unerträglich. Wenn meine Mutter mich z.B. mit in die Stadt nahm, wirkten Menschenmassen auf mich bedrohlich und ich verlor schnell jegliche Orientierung. Inmitten der Menschenmenge beim Einkaufen auf dem Marktplatz lief ich tatsächlich einmal weg und meine Mutter fand mich später in einer nahegelegenen Boutique, in der ich mich einfach unter einem Kleiderständer versteckte. Eine aufmerksame Verkäuferin entdeckte mich dort und sorgte dafür, dass ich wieder in die "Obhut" meiner Mutter kam. Vor allen in Räumen mit vielen Menschen fühlte ich mich als Kind oft sehr unwohl. Energien und Schwingungen, die ich zu jener Zeit über ein normales Maß hinaus wahrnahm, jedoch noch nicht einordnen konnte, rasten durch mich hindurch wie Stromstöße und machten mir Angst. Wann immer es möglich war, zog ich mich zurück, kauerte mich in meine Spielecke oder schnappte mir Papier und Stifte und malte stundenlang Bilder von Tieren und Landschaften. Auf diese Weise konnte ich scheinbar meine Gedankenwelt und Gefühle ordnen, um mich zu generieren. Besonders an den Reaktionen meines familiären Umfeldes, spürte ich, dass ich offenbar „anders“ war. Es gab viele Situationen, an die ich mich absolut ungern erinnere, aber niemals vergessen kann. Vor allem an diese: Nach einer schweren Lungenkrankheit litt ich an Bronchailasthma und sogenanntem „Heuschnupfen“. Nach einer heftigen, allergischen Überreaktion im Alter von 9 Jahren wurde ich in die nahegelegene Uniklinik eingeliefert. Dort blieb ich zwei Tage in einem Einzelzimmer. Ich musste mich mehreren Untersuchungen unterziehen und eine davon konnte ich mir bis heute nie wirklich erklären.

Man tupfte meinen kompletten Kopf mit Alkohol ab, stülpte mir ein Haube mit lauter kleinen Löchern über und befestigte jede Menge Elektroden mit Unmengen von Kabeln an mir fest. Ich bekam solche Panik, dass sowohl der Arzt, als auch zwei Krankenschwestern mich beruhigen mussten, damit ich still hielt. Der Arzt erklärte mir, dass man zur Sicherheit (welche Sicherheit, weiß ich bis heute nicht genau), meine „Hirnströme messen“ würde, damit ich anschließend ein schönes Bild für die anderen Kinder im Krankenhaus malen könne.

Was für andere Kinder? Ich habe in den zwei Tagen kein einziges Kind gesehen. Dafür habe ich die Worte noch sehr genau im Kopf! Die Prozedur dauerte ziemlich lange, zumindest fühlte sich das so für mich an. Irgendwann wurde ich wieder „zum Schlafen“ auf mein Zimmer gebracht. Dort lag ich im Dämmerzustand und nahm wahr, dass ständig zwei Krankenschwestern im Zimmer aus und ein gingen, um nach mir zu sehen. Eine der Krankenschwestern sagte: „Gut, dass die Kleine von all’ dem nichts weiß.“ Diese Worte brannten sich in meinem Kopf ein! Ich konnte zwar nicht reagieren, aber vieles hören und sehen. Ich habe niemals erfahren, was genau dies für eine Untersuchung war und warum ich mich in diesem Dämmerzustand befand. Natürlich liegt die Vermutung nahe, dass ich sediert wurde. Die besagten Worte der Krankenschwester konnte ich mir nie erklären. Später habe ich meine Mutter darauf angesprochen. Doch sie redete sich heraus und sagte, sie könne sich daran kaum noch erinnern. Diese Antwort bekam ich immer, wenn ich sie mit Fragen solcher Art löcherte. Oder sie wurde fahrig, gestikulierte wild vor mir herum und meinte, ich solle mit meinen "Hirngespinsten" gefälligst aufhören. Das Wort "Hirngespinste" benutzte sie sehr häufig, wenn ich sie mit solchen Fragen überforderte.

Ich kann natürlich alles Mögliche mutmaßen – z.B., dass mein „sonderliches“ Verhalten damals ein Anlass für diesen Klinikaufenhalt und der sogenannte „Asthmaanfall“ ein passender Anlass für diese abstruse Untersuchung war. In all’ dieser Zeit wurde ich jedoch nie einem Kinderpsychologen vorgestellt oder irgendeiner Person, welche der Ursache für mein scheinbares „anders sein“ angemessen auf den Grund ging. Einzig und allein meine Großeltern väterlicherseits haben sich mit mir auseinandergesetzt, in dem sie mich oftmals aus meinem streitbaren Elternhaus herausholten, damit ich Abstand und Ruhe erhielt. Meine Großmutter schenkte mir Malstifte, meine erste Kamera und gewährte mir Zugang zum Sporttraining – Kunstturnen! Das war immer einer meiner Kindheitsträume. Nur ein unglücklicher Sportunfall verhinderte letztendlich, dass ich weder am Schulsport, noch an den Trainings weiter teilnehmen konnte. Fast zwei Jahre brauchte ich, um wieder auf die Beine zu kommen.

Meine Mutter stellte sich ständig gegen meine Großmutter. Sie betitelte es als „Einmischung“. Niemals stellte sie sich selbst in Frage oder erkannte an, dass meine Großeltern mich aus reiner Fürsorge zu sich nach Hause nahmen und meine Begabungen förderten, weil meine Eltern dazu offensichtlich nicht in der Lage waren. Vor allem Malen, Lesen, Schreiben und Fotografieren. Mein blinder Großvater ermöglichte mir den Zugang zu anspruchsvoller Literatur. Bereits im Alter von 12 Jahren las ich „Die Elenden“ von Victor Hugo.


Im Lauf der Jahre wurde es immer schwieriger, mich unter Menschen wohl zu fühlen. Ich zog es vor, den Wald zu erkunden und suchte mir Spielgefährten mit einem gewissem Feingeist, die sich ebenfalls draußen in der Natur wohler fühlten, als auf irgendwelchen angesagten Disco’s und Party’s. Nachts las ich heimlich mit einer Taschenlampe seitenweise Bücher unter der Bettdecke. Ich ritte Pferde ohne Sattel, wälzte mich mit den Nachbarshunden im Dreck herum und ging mit meiner kleinwüchsigen Katze namens Nicki spazieren. Richtig gelesen. Nicki wartete mittags an der Bushaltestelle auf mich, wenn der Schulbus im Dorf hielt und ging mit mir gemeinsam nach Hause. Manchmal machten wir dann einen kleinen Umweg am Waldrand entlang. Nachts schlief Nicki in meinem Bett. Auf der zugehörigen kleinen Weide unseres Hauses auf dem Dorf begrüßte mich "Sissy", wenn ich von der Schule nach Hause kam. "Sissy" war ein Shetlandpony. Ich kletterte oftmals nach der Schule einfach durch den Stacheldrahtzaun hindurch, um nach Sissy zu schauen.

Dann streichelte ich Sissy lange ausgiebig und erzählte ihr von meinem Tag in der Schule, bis sie irgendwann wieder über die kleine Weide davon lief. Eines Tages stand mein Vater plötzlich an der Weide und meine Mutter brüllte laut hinter ihm her.

Noch ehe ich reagieren konnte, sprang Sissy verschreckt auf. Eines ihrer Vorderhufe landete auf meiner Schulter und brach mir das Schlüsselbein. Mein Vater brachte mich ins Krankenhaus. Von da an durfte ich nicht mehr ungefragt auf die Weide, um Sissy zu besuchen.

Eines Tags kam ich von der Schule und schlich mich heimlich von der unteren Seite des Weidegrundstückes zu dem kleinen Stall. Sissy war nirgends zu sehen und ich spürte sofort, das etwas Schlimmes passiert sein musste. Ich rannte zum Grundstück unseres Hauses hinauf und weinte bereits. Meine Mutter öffnete die Türe und als ich versuchte unter Tränen meine Worte zu formulieren, zog sie mich am Ärmel ins Haus und meinte: "Hörst Du jetzt auf so zu schreien? Was sollen denn die Nachbarn denken?" Ich wurde an den Küchentisch gezerrt. Es gab Mittagessen. Ich bekam keinen Bissen herunter, was meine Mutter nur noch mehr erzürnte. Sie schleppte mich jähzornig die Treppe zu meinem Zimmer im Keller hinunter. Das Zimmer war geräumig, aber ich fühlte mich dort unten enorm einsam und hatte nachts bei jedem Geräusch Angst. Direkt im Zimmer befand sich eine Stahltür. Dort ging es zum hinteren Grundstück hinaus. Dann erinnerte ich mich oft an Argus, der mich nachts behütete. Argus war der großer Terrier, unserer Nachbarn, der irgendwann komplett in unsere damalige Wohnung einzog. Er war fast stets an meiner Seite. Um das Haus herum befand sich ein riesen großes Grundstück mit Wiese, Bäumen, Sträuchern und Blumen. Wir hatten dort eine große Souterrainwohnung. Im Grunde ein Paradies für Kinder. Dort tobte ich mit Argus umher, wann immer es möglich war - sogar im Planschbecken. Nachts schlief er am Fußrand meines Bettes. Wenn sich meiner Mutter mir näherte, um ihre Launen an mir auszulassen, knurrte Argus sie bedrohlich an und stellte sich schützend vor mich! Und wahrhaftig schaffte es Argus, dass ich meine persönliche "Ruhezone" einrichten konnte - in einer Abstellkammer mit einem Bett ohne Fenster und ohne Tür. Nur ein Vorhang trennte mich vom abgehenden Flur. Meine Mutter betrat diese Zimmer niemals, wenn Argus in meiner Nähe war, sondern hielt sich fern und rief mich allerhöchstens aus der Küche, wenn ich zum Essen kommen sollte. Grund für dieses "Kinderabstellkammer" war die Geburt meiner Schwester - ein Wunschkind und der verzweifelte Versuch meiner Eltern, ihre Ehe zu retten. Meine Mutter erzog sie zu einer Prinzessin und entzweite meine Schwester und mich durch unsere gegensätzliche Erziehung, noch bevor sich so etwas wie Geschwisterliebe zwischen uns überhaupt entwickeln konnte. Heute weiße ich längst, dass meine Schwester nicht die geringste Schuld traf, dass uns eine unbeschwerte, gemeinsame Kindheit versagt blieb. Inzwischen haben wir einen Weg gefunden, uns näher zu kommen und besser kennenzulernen. Gegenseitige Schuldgefühle spielten dabei keine Rolle. Wir konnten die Vergangenheit nicht mehr ändern. Dafür stehen wir heute im Hier & Jetzt zusammen und helfen uns gegenseitig, so gut wir können ...

Was meine besondere Beziehungen zu Tieren betrifft:

Tiere spüren die Hochsensibilität bei Menschen. Andersherum auch deren Feindseligkeit. Allerdings war mir das damals als Kind noch nicht so bewusst.


Freundschaft & Verlust

Zu jener Zeit hatte ich meine erste echte und sehr tiefe Freundschaft mit einem gleichaltrigen Mädchen aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Sie hatte ihre Mutter sehr früh verloren und lebte in einem großen Haus auf einem von Bäumen umgebenen Grundstück ganz allein mit ihrem Vater. Uns verband die innerliche Einsamkeit. Sie nahm die Natur genauso bewusst wahr wie ich. Wir pirschten gemeinsam durch den Wald und beobachteten alles – nichts entging uns. Sterbende Igel, quirlige Feldmäuse, ein tollwütiger Fuchs und wir fanden sogar Diebesgut einer gesuchten Diebesbande (andere Geschichte …). Wir hatten vor nichts Angst. Außer vor menschlichen Begegnungen. Denen gingen wir, wann immer möglich, aus dem Weg. Das Mädchen, meine erste richtige Freundin, hieß Doris. Sie war bildhübsch und erinnerte mich immer an eine Indianerin. Zudem war sie außergewöhnlich intelligent und sprachgewandt. An jenen Tagen, an denen wir uns nicht sahen, saß ich traurig daheim, las auf meinem Bett Bücher und beobachtete dabei meiner Katze Nicki (die ihre kleinen Baby’s dort zu Welt brachte). Das waren Tage, die ich im sogenannten „Stubenarrest“ verbrachte, weil ich dem Willen meiner Mutter widersprochen hatte und in ihrem Sinne nicht „artig“ gewesen war.

Doris und ich vertrauten uns gegenseitig Geheimnisse an. Und wir bewahrten sie einander. In dem Dorf, in dem wir lebten, waren wir umgeben von Bauernhöfen und einigen Wohnhäusern. Wald, Wiesen und Felder umschlossen das weitläufige kleine Dorf. Ich fühlte mich pudelwohl dort. Doch dann zogen wir plötzlich fort. Zurück in die Stadt. Ich war gerade einmal 10 Jahre alt und verlor meine einzige und beste Freundin aus den Augen. Doch es sollte noch schlimmer kommen.

Derweil meine Eltern den Umzug organisierten, wurde ich bei meinen Großeltern untergebracht. Als ich nach dem Umzug das Erstemal unser neues „Zuhause“ am Stadtrand betrat und nach meinen Katzen fragte, die ich nirgends entdecken konnte, erfuhr ich die bittere Wahrheit: sie hatten sie im Wald ausgesetzt. Nicki, meine Seelenkatze, mit ihren zwei kleinen Babies. Ich sprach von da an nicht mehr mit meinen Eltern. Ich zog mich in eine Art Kokon zurück. Nacht für Nacht weinte ich, bis alle Tränen so versiegt waren, dass ich außerstande war, jemals wieder Gefühle zuzulassen. Noch heute habe ich manchmal Alpträume. Ich laufe durch den Wald in einem unbekannten Ort und suche meine Katzen. Die Vorstellung, was sie durchgemacht haben könnten und, dass sie es vermutlich nicht (alle) überlebt haben, lässt mich immer wieder verzweifeln. Nur wenige Menschen wissen davon. Ich weiß nicht, für was ich mich mehr schäme: für diese abscheuliche Tat meiner Eltern oder dafür, dass ich noch heute deswegen Alpträume habe. Und das ist bei weitem nicht der einzige Grund für meine Alpräume.

Das Dilemma mit dem "BaucHgefühl"

All' diese Erfahrungen haben vermutlich dazu geführt, dass ich vor allem Ungerechtigkeit unter Menschen nicht nur spüren, sondern nahezu riechen kann. Sobald ich einen Raum voller Menschen betrete, erkenne ich schneller als mir lieb ist, wenn diese nicht zusammenpassen:

- übellaunige Menschen

- misstrauische Menschen

- intriganten Menschen

- "herzlose" Menschen

- schüchterne oder eingeschüchterte Menschen

- traurige Menschen

- desorientierte Menschen


Was also machten sie alle in einem Raum? Gegen diese Frage kam ich nie an. Sie tauchte in solchen Momenten unweigerlich in meinem Kopf auf. Ich begann sofort zu analysieren, hörte Zwischentöne und Schwingungen, erhaschte Gesten, erkundete Mimiken. Sei es bei einer Geburtstagsfeier oder irgendein Anlass, an dem Menschen auf engerem Raum zusammenkamen. Und ich mittendrin! Das löste oftmals extremstes Unwohlsein in mir aus.

Zum damaligen Zeitpunkt als Kind und Jugendliche konnte ich mir dieses Gefühle absolut nicht erklären. Das passierte so oft, dass ich anfing, mich vor Einladungen zu Geburtstagsfeiern und dergleichen regelrecht zu drücken. Entweder suchte ich nach Ausreden, um gar nicht erst erscheinen zu müssen oder ich manövrierte mich selbst schnell in die Außenseiterposition, damit man mich mit solchen Einladungen verschonte.


Ich fühlte mich oft wie ein Vogel, der über all’ dem zu schweben schien und sich fragte: „Was soll ich hier?“ und der nicht wußte, wo er sicher landen konnte. Herz und Verstand schienen in mir einen permanenten Kampf auszufechten.


Auf dem Weg zum "Erwachsen werden"

Orte, an denen sich Menschen aufhielten, die nicht zusammenpassen oder überwiegend eine negative Ausstrahlung auf mich ausübten, versuchte ich demnach mehr und mehr zu meiden. Ich konnte vor allem mit dem Gehabe früh pubertärer Mädchen bzw. Teenager überhaupt nichts anfangen. Sich über Modetrends, die neueste Lippenstiftfarbe, Mainstream-Musik, die sich wie Kaugummi in meinen Ohren anhörte und hübsche Jungs zu unterhalten, empfand ich als äußerst anstrengend. In der Schulzeit gesellte sich stets nur Außenseiter zu mir, die auf irgendeine Weise vom Leben ebenfalls gebeutelt waren oder zumindest jene, die ein gewisses Maß an Unabhängigkeit und Authentizität beherrschten. So oder so rutsche ich immer sehr schnell in eine Gruppe dieser Außenseitern hinein. Das Verrückte daran war: ich fühlte mich in deren Gegenwart sogar wohl und damit auch oftmals zu den Schwächeren hingezogen. Im Laufe der Jahre entwickelte ich, Dank (und Undank) meiner Hochsensibilität mehr und mehr ein gesundes Maß an Selbstbewusstsein. So gedachte man mir immer mehr die Rolle einer „Anführerin“ zu. Man schlug mich als Klassensprecherin vor (was ich stets ablehnte), machte mich zur „Lagerführerin“ in Jugendzeltlagern, Organisatorin sozialer Projekte usw.

Es war eine sehr lange Entwicklung. Der Blick in die eigene Seele. Das ständige eigene hinterfragen. Und der Austausch mit ebenfalls hochsensiblen Menschen im Laufe dieser Entwicklung.

Im Alter von ca. 17 Jahren begann ich, mich schwarz zu kleiden. Denn ich fühlte mich wohl in diesem „fröhlichen“ schwarz! Damit bewegte ich mich weit weg von irgendwelchen künstlich vorgelebten Trends. Und ich fühlte mich in schwarz gekleidet unauffällig. Die anderen empfanden das jedoch scheinbar weniger so. Junge Mädchen in schwarzer Kleidung? Das konnte doch nur „Grufties“ sein. Meinetwegen. Ich wollte nicht zu einer Masse gehören, in der ich mich unwohl fühlte und Oberflächlichkeit einer Vielfalt von interessanten Lebensthemen den Rang ablief. Ich zog tiefgründige Gespräche vor. Ich mochte es, über den Sinn (und Unsinn) des Lebens zu diskutieren und Menschen zuzuhören, die ebenfalls abseits des Maintreams ihr eigenes Ding machten. Menschen, die ihre eigene Rolle im Leben definierten und sich nicht von der großen, breiten Masse beeinflussen ließen. Eine Meinung, war eben nicht nur eine Meinung. Es gab eins, zwei, drei … unzählig viele Meinungen! Mich interessierte Vielfältigkeit. Anders sein – authentisch sein!


Als ich über die Zeit des „Teenager“-Daseins hinaus war, fing ich immer mehr an, in meine eigene Rolle zu schlüpfen. Eine Rolle, in der ich mir gefiel und mit der ich mich absolut identifizieren konnte. Schwarze Kleidung war nur ein Teil davon. Ich machte mir keinen Kopf mehr darüber, ob ich den „anderen“ gefiel oder nicht. Ich wollte MIR gefallen. ICH wollte mich mit und in mir selbst wohlfühlen. So war es auch mit der Musik. Von Rock, Gothic über Punk-Musik.

Frech, laut, frivol, mystisch, melancholisch. Songtexte, die nachdenklich machten oder mit denen ich mich identifizieren konnte. Und: ich wollte diese Musik vor allem live erleben – hautnah! Mit Menschen, denen es genauso erging und die genauso fühlten, konnte ich Menschenmengen nicht nur besser ertragen, sondern ich fühlte mich an ihrer Seite vor allem sicher und geborgen. Weder das eine noch das andere hatte ich je in meinem Elternhaus erfahren. Dort wurde ich lediglich geduldet und als ein „Versehen“ erzogen – wie ein zugelaufenes Tier, dass man in einem Käfig Futter hinwarf, nur weil man sich nicht traute, es auszusetzen oder sich seiner zu entledigen. Ich habe mir sogar oft vorgestellt, wie es gewesen wäre, wenn man mich "ausgesetzt" hätte - so wie meine Katzen!


Das waren die Tage, an dene ich mir auf dem Schulweg oft überlegte, einfach nicht mehr nach Hause zu gehen. Als das „Tier“ groß wurde und sich aus seinem Käfig befreite, lernte es, selbständig für sich zu sorgen und Verantwortung zu übernehmen. Ich wurde immer mehr ich.


Und mir wurde immer klarer, warum ich Ungerechtigkeit und Respektlosigkeit als absolut unerträglich empfand.

Die negativen Erfahrungen aus meiner Kindheit lernte ich, in positive Eigenschaften umzuwandeln. Ich setzte mich, wo immer ich konnte, für soziale Projekte ein. Hier konnte ich alle meine schmerzhaften Erfahrungen sensibel einsetzen, um benachteiligten Menschen und Tieren in schwierigen Situationen zu helfen.

Das tue ich bis heute – wann immer ich kann.


Im Laufe meines Lebens habe ich unzählige Live-Konzerte erleben dürfen. Vor wie hinter der Bühne. Mit und ohne Kamera. Ich umgab mich immer mehr mit Menschen, mit denen ich über weitaus mehr, als Modetrends und dergleichen reden konnte. Inzwischen war ich in der Lage, schnell Gleichgesinnte zu erkennen und mit ihnen Kontakt zu knüpfen:


Menschen, von deren Lebenserfahrung ich lernen und an die ich mich anlehnen konnte.

Menschen, zu denen ich aufschauen und mit denen ich mitfühlen konnte.

Menschen, mit denen ich mich auch ohne Worte verstand und stundenlang einfach nur gemeinsam Musik hören konnte. Menschen, mit besonderen künstlerischen Begabungen.

Menschen, auf die ich zählen konnte.

Menschen, die ihre Wahrhaftigkeit durch Ehrlich- und Aufrichtigkeit zum Ausdruck brachten.

Die Gedanken sind frei – für jeden. Nur durch unser verantwortungsvolles und respektvolles Handeln

finden wir heraus, wo unser Platz im Leben bestimmt ist und,

dass wir es wert sind, geliebt zu werden.

Ausstieg ins Leben

Als jemand, der sein Elternhaus früh verließ, war es kein Leichtes, sich auf eigene Beine zu stellen und von all’ den gesellschaftlichen – für mich sinnlosen – Zwängen zu befreien. Mich so entwicklen zu können, wie ich es für richtig hielt. Meine Bestimmung zu finden – mit allen Päckchen, die das Leben mir auferlegte - Schicksale zu erleben und zu überstehen.

Zu verdanken habe ich das meiner Hochsensibilität. Eine außergewöhnliche Sensibilität, die keine Schwäche, sondern eine besondere Stärke ist. Und, die mir letztendlich half, mich aus der kurzzeitigen Obhut des Jugendamtes zu befreien, ein 9 monatiges Leben auf der Straße sowie einer "Unterkunft für für sozialbenachteiligte Menschen" zu überstehen, in der ich mir mit 8 weiteren Gestrandeten abseits der Gesellschaft ein Badezimmer teilte und ein 16 qm großes Kellerzimmer, ohne Heizung, mein "Eigen" nennen durfte. Auch wenn sich hier menschliche Abgründe zusammenfanden - im Alter von etwa 17 bis Ü40 - wir hielten überwiegend zusammen. Ich war zu jener Zeit das Nesthäkchen und wurde von den Älteren sogar oftmals umsorgt: sei es mit Tütensuppen, Keksen oder stundenlangen Gesprächen, in den wir unsere Lebenserfahrungen austauschten. Wir hörten einander zu, oftmals Nächte hindurch. So lernte ich zu verstehen, warum diese Menschen an den Rand der Gesellschaft gerieten: indem sie mir ihre Schicksalsschläge offenbarten und mir den Blick in ihre Seele gewährten. Junge Menschen aus dominanten Elternhäusern und kriminellen Abwegen sowie erwachsene Menschen, die große familiäre Verluste erlitten hatten und dadurch z.B. dem Alkoholkonsum verfallen waren. Die Tiefschläge waren vielfältig. Neun verschiedene Menschen mit neun verschiedenen Schicksalen unter einem Dach, jedoch einer Gemeinsamkeit: Achtung voreinander!

Ich erinnere mich noch gut an Rolli und Willy (wir alle hatten untereinander Spitznamen). Sie waren schätzungsweise damals um die Mitte 40 und für mich kurzzeitig wie ein Elternersatz. Sie waren beide Alkoholiker, jedoch in keinster Weise aggressiv. Sie betäubten lediglich ihren Weltschmerz, tranken sich abends in den Schlaf und hatten ihre Leben längst aufgegeben. Beide sprachen sie jedoch meine Hochsensibilität offen an und, dass ich es gerade deshalb schaffen würde, mich aus dem damaligen Dilemma zu befreien. Sie machten mir oft Mut. Als ich nach einigen Monaten auszog, um meinen Weg weiter zu gehen, weinten beide. Willy sagte am letzten Tag zu mir: "Kind, ich will Dich hier nie wiedersehen!" und schloss die Tür hinter mir, als ich mit meinem schwarzen Jutesack und meinen Habseligkeiten das Zweimal ein Haus verließ, dass nicht mein zu Hause war, sondern nur eine weitere Station meines Lebens. Die Worte von Willy's Abschied klingen noch heute in meinen Ohren. Ich hatte verstanden, was er mir damit sagen wollte und befolgte seinen Rat. Ich sah beide niemals wieder und betrat auch niemals wieder diese Haus, das eher einer Baracke gleich kam.


Tränenspuren

Die Prägung durch ein "fehlbesetztes" Elternhaus

Insbesondere durch meine Mutter wurde meine Hochsensibilität folgendermaßen abgetan.


„Die sitzt schon wieder da stundenlang und malt Bilder!“

„Die spricht schon wieder kein Wort und dudelt nur an ihrem Kassettenrecorder rum.“

„Ich weiß nicht, was mit der los ist. Nächste Woche kann sie wieder bei ihrer Oma faul rumsitzen und weiter an ihren Bildchen malen!“ „Die träumt wieder vor sich hin.“ „Warum kann die sich nicht mal ordentlich kleiden, wie andere Mädchen auch? Die sieht aus wie ein Trauersack mit ihren schwarzen Klamotten!“ „Das ist doch keine Musik, die die da hört! Das ist Gedudel … Geschreie!“


Ich könnte die Liste noch lange fortführen. Nie wurde hinterfragt, warum ich scheinbar „anders“ war als andere. Nie wurde innerhalb des Elternhauses mit mir wirklich geredet. Kaum jemand hört mir wirklich zu. Es gab nur Anordnungen und Unterordnung. Es gab keinen zwischenmenschlichen Austausch – in einem Elternhaus mit einem hochnarzistischen Elternteil.

Denn genau dort liegt die Ursache. Bereits im Alter von knapp 3 Jahren war ich einer unsäglichen Launenhaftigkeit und emotionaler Erpressung meiner Mutter ausgesetzt. Ihre Erziehung war geprägt von einer nie endenden Befehlskette. Gefühlsausbrüche waren nur erlaubt, wenn sie von der „anderen“ Seite ausgelebt werden durften – aber nicht meine – nicht als Kind, nicht als Teenager. Ich hatte zu gehorchen, mich unterzuordnen und zu funktionieren. Anerkennung gab es nicht. Stattdessen jede Menge sinnlose Regeln, die jede nur erdenkliche Weiterentwicklung blockierten.

Anders war es jedoch, wenn ich krank war. Dann wurde ich umsorgt, betüddelt und in Watte gepackt. Besonders im Krankenhaus wurde dann eine heile „Mutter-Kind-Welt“ vorgegaukelt. Jedesmal keimte dann die kindliche Hoffnung in mir auf, dass ich doch gemocht oder gar geliebt wurde. Pustekuchen! Sobald ich wieder aus der „Wehrlosigkeit“ heraus kam, kehrte der alltägliche Jähzorn zurück. Als ich das begriff, gewöhnte ich mir krank sein möglichst ab – sofern ich es aus eigenen Kräften einrichten konnte! Dieser Zustand des völligen Ausgeliefertsein wurde für mich unerträglich.

Einfluss der Großeltern

Meine Großeltern väterlicherseits habe ich es vor allem zu verdanken, dass ich mir meiner eigenen Rolle im Leben bewusst werden und frei entscheiden durfte. Sie förderten meine Kreativität (das „Bildchen malen“), über die ich später zur Fotografie fand und so meine eigene Sprache entwickelte – meine Bildsprache. Mein Vater spielte in seiner Jugend Schlagzeug, war gelernter Schriftsetzer, entwarf Anzeigen und Urkunden zu verschiedensten Anlässen für seine Arbeitgeber und war vor allem sehr wortgewandt. Diese positiven Eigenschaften schaute ich mir im Stillen oft von ihm ab.

Mein Großvater war blind, ebenfalls sehr wortgewandt, schrieb Gedichte und Texte für lokale Redaktionen, ließ sich Bücher von mir vorlesen und öffnete mir somit schon sehr früh die Welt der Autoren und Schriftsteller. Und somit auch zur Fotografie. Das kam daher, dass ich ihm Bildszenen von Fotos etc. beschreiben musste, da er sie ja selbst nicht mehr sehen konnte. Meine besondere Feinfühligkeit spürte mein blinder Großvater und gedachte mir daher diese Aufgabe immer häufiger zu.

An den Wochenenden setzte ich mich auf’s Fahrrad und fuhr eine Stunde lang über Feldwege und Landstraßen, um meinem Großvater meine Schulreferate vorzulesen. Er hörte aufmerksam zu, offenbarte mir immer seine ehrliche Meinung und unterrichtete mich in Ausdruck und Grammatik. Ich schrieb Aufsätze über Indianerstämme sowie den Ku-Klux-Klan und erhielt jedes Mal ein „sehr gut“. Mein Deutschlehrer forderte mich sogar auf, diese beiden Aufsätze vor der Klasse laut vorzulesen. Dies fiel mir sehr schwer. Mich vor einer Menge Mitschüler hinzustellen, während alle Augen auf mich gerichtet waren, war nicht unbedingt das, was mir lag. Vor allem gab es einige in der Klasse, die mich wegen meiner guten Schulnoten als „Streberin“ bezeichneten und mich mobbten, wo sie nur konnten. Aber ich setzte mich durch. Vor allem, weil man Großvater mir stets Mut machte, damit ich möglichst bald meinen eigenen Weg gehen und mich aus den Zwängen meines Elternhause befreien konnte. In mir siegte die Vernunft, dass eine gute Schulbildung die Voraussetzung dafür war. Ich belegte zusätzliche Kurse in Kunst im Bereich Malen, Zeichnen und Fotografie und erhielt für alle Arbeiten ausnahmslos ein „sehr gut“. Als ich eines Tages mit Gipsarm zur Schule kam, stellte meine Kunstlehrerin mich vom Zeichnen frei. Doch ich lies mich nicht davon abhalten, begann mit links zu Zeichnen und fügte der Zeichnung ein Gedicht hinzu. Meine Kunstlehrerin war nicht nur sprachlos, sondern regelrecht berührt – ich erhielt ein „sehr gut+“. Diese Zeichnung über „Leben & Tod“ besitze ich noch heute. Das war jene Zeit, in der ich meine Hochsensibilität als Begabung begriff und immer mehr einzusetzen verstand.

Meine Großmutter, die inzwischen viel zu früh verstorben war, ließ meinen blinden Großvater verbittert zurück. Er entsagte sich fast völlig von der Außenwelt. Er saß von morgens bis abends in seiner Wohnküche neben dem Radio und qualmte Zigaretten wie ein Schlot. Eines Tages gab er mir seine Schlüssel und bat mich, im sein elendes Dasein ein wenig zu erleichtern, indem ich ihm an den Wochenenden die Wohnung putzte, seine Wäsche sortierte und mich um seine Post kümmerte. In dieser Zeit führten mein Großvater und ich tiefsinnige Gespräche. Er schimpfte über die Politik und sagte vieles voraus. So verbittert und erzürnt er auch fast allen Menschen gegenüber war - er war ein weiser Mann, dessen Worte ich noch heute im Ohr habe. Seine "Voraussagen" sind allesamt eingetroffen:

die immer weiter abnehmende Wertschätzung unter den Menschen, zunehmender Bildungsmangel, die immer größer werdenden Kluft zwischen Arm und Reich usw. Ich hörte ihm stundenlang zu und saugte alle seine Worte auf wie ein Schwamm.

Und obwohl er blind war, sah ich ihm immer dabei in die Augen!

Langer Weg der Selbsterkenntnis

Ich glaube heute, dass all' jene, mitunter bitteren, Erfahrungen meine Hochsensibilität noch gesteigert haben. Bis ich Vertrauen zu Menschen aufbaue, braucht es oftmals sehr lange. Als Schutz habe ich mir beinahe angewöhnt, mich den meist oberflächlichen Gesprächen und Geplänkel unter Menschen hinzugeben, um nicht „enttarnt“ zu werden. Obwohl mich Oberflächlichkeit weitaus mehr anstrengt, als tiefgründige Gespräche über den Sinn oder gar Unsinn des Lebens. Ich habe mir ein dickes Fell zugelegt, um meine Hochsensibilität zu schützen – wenn nicht sogar zu verbergen. Das gelingt nicht immer. Menschen, die wiederum erkennen, dass ich ihre Fassade durchschaue, weichen mir mitunter aus oder machen mich zu ihrem Feindbild.

Es fühlt sich an, wie ein ständiger Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“. Auch heue noch. Mit einem Unterschied: ich spüre die feinen Nuancen inzwischen bewusst auf. In einer Welt, die eben nicht nur aus Schwarz und Weiß besteht, sondern aus vielen feinen Facetten. Mit diesem Gespür gehe ich sehr achtsam um und empfinde es als meine ganz persönliche Gabe. Diese Gabe ist meine Stärke.

"Wir verstehen unser Leben rückblickend, müssen es aber vorwärts leben!"

Wachsendes Selbstbewusstsein

Im Laufe der Jahre begriff ich immer mehr, dass das „Im-Kopf-alles-analysieren“ zu müssen, ein Umstand meiner Hochsensibilität war und ist. Dass tiefe Vorahnungen und mein Bauchgefühl keine „Hirngespinste“ sind, sondern ich meiner Hochsensibilität zu verdanken habe. Ich verfüge über eine stark ausgeprägte Intuition. Ich war und bin anders im gewissen Sinne – und damit besonders! Ja – jetzt habe ich es ausgesprochen – quasi. Mit einer guten Portion Selbstbewusstsein, die ich mir inzwischen zugestehe.


Ich kann nicht heraus aus meiner Haut – und das will ich auch gar nicht mehr!

Mein Feingespür für das Zwischenmenschliche, die Aura der Menschen denen ich gegenüber stehe, schnell zu erfassen, Zwischentöne der menschlichen Sprache, Gesten und Mimik besser herauslesen zu können, als andere Menschen. Das alles hat mein analytisches Denken mehr und mehr gefördert. Gepaart mit meiner Kreativität und Naturverbundenheit ist dies nicht nur eine Gabe, sondern ein großartiges Geschenk. Und keine Strafe!

Wahner Heide

Erkenntnisse und Weiterentwicklung

Es war ein langer und beschwerlicher Lernprozess. Aufgrund meiner vielfältigen Lebens-, Berufserfahrungen und Lehrgänge in vielen Bereichen, konnte ich mich inzwischen intensiv weiterentwickeln und spezialisieren. Heute setze ich meine Fähigkeiten als HSP’lerin in meinem privaten und beruflichen Alltag gezielt ein und unterstütze dadurch viele kreative, soziale und organisatorische Projekte.


Was mir ebenfalls im Laufe meine Lebens half, war und ist: Humor! Der Ernst des Lebens steht zweifelsohne oftmals zwischen den Menschen. Menschen mit vielfältigen Sichtweisen. Egal, ob sie richtig oder falsch sind. Menschen auf allen Kontinenten dieser Erde. Mit all’ ihren eigenen Erfahrungen und Schicksalen, die sie geprägt und zu dem gemacht haben was sie sind.

Niemand wird böse, fies und gemein geboren. Aber wir werden geformt und geprägt – von unserem Elternhaus, von unserem persönlichen Umfeld. Als Kind sind wir diesen Umständen hilflos ausgesetzt. Wir folgen unserem angeborenen Urvertrauen, dass insbesondere unsere Eltern das Beste und Richtige für uns tun. Doch was ist, wenn uns dieses Urvertrauen auf eine falsche Fährte führt? Werden wir zu Narzisten? Werden wir kriminell? Werden wir zu seelenverstümmelten Monstern?

Es gibt genügend „menschliche“ Beispiele für letztere Spezies – sowohl in der Vergangenheit unserer Geschichte, als auch in der Gegenwart. Hier muss ich keine Namen nennen. Sie alle sind uns bekannt und wir spüren deren Auswirkungen aktuell mehr, als wir das je für möglich gehalten hätten.

Nicht allen ist es in die Wiege gelegt, sich rechtzeitig aus einem nicht „kindgerechten“ Umfeld zu befreien. Zudem sucht sich kein Mensch auf der Welt aus, wo und von wem er geboren wird! Es ist Schicksal - oder: schlichtweg eine Laune der Natur. Kinder bzw. junge Menschen brauchen beherzte und feinfühlige Unterstützung, um sich zu respekt- und verantwortungsvollen Erwachsenen entwickeln zu können.

Ich hatte Glück im Unglück. Ich hatte sowohl meine Großeltern, als auch Menschen abseits der Gesellschaft, die Opfer derselben wurden, aber Mut und Kraft genug hatten, sich ihren Platz im Leben zu erkämpfen, um ihrer Bestimmung zu folgen. Diese Menschen spürte ich auf und sie mich. Es ist eine reine Bestimmung, nach der ich suchte und die uns im Laufe des Lebens zusammengeführt hat.

Dafür bin ich sehr, sehr dankbar! Für einen HSP’ler ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die Umgangsweise anderer ihnen gegenüber absolut nichts über ihren Wert aussagt. Menschen, die HSP’lern mit Unverständnis oder gar Ablehnung begegnen, leiden sogar oftmals selbst an alten, nie verheilten Wunden. Sie führen dabei innere Kämpfe gegen sich selbst, blockieren ihre eigene Entwicklung und ebenso die ihres direkten Umfeldes.

Vergebung

Ich habe vor allem auch gelernt, meiner Mutter zu vergeben – ebenso meinem Vater. Viele, viele Jahre habe ich mich damit auseinandergesetzt und nach dem „Warum“ gefragt: Ich habe ihre Geschichte in ihrer eigenen Kindheit versucht aufzuspüren und einige Antworten erhalten auf die vielen, quälenden Fragen.

Sie waren selbst Opfer innerhalb einer schwierigen Kindheit und Umgebung. Sicherlich rechtfertigt das nicht deren Verhalten. Sie haben nie den Weg gefunden, sich aus diesem inneren Unfrieden zu befreien und ihr Leben lang haben sie nach ihrem Platz im Leben gesucht. Als mein Vater ihn gefunden hatte, erkrankte er schwer und verstarb nur wenige Jahre später.

Meine Mutter lebt in einem ständigen Dilemma zwischen innerer Unzufriedenheit und der Suche nach sich selbst. Sie fühlt sich stets als Opfer und hat nie den Weg aus dieser Rolle herausgefunden. Ich habe mich nie wirklich als "Opfer" gefühlt, sondern immer den innerlichen Wunsch verspürt, das Leben ergründen und Menschen verstehen zu können. Trotz aller Demütigungen durch mein Elternhaus, durch die Mitschüler in meiner Kindheit und weit darüber hinaus. Menschen mit besonderen Stärken, wie z.B. Hochsensibilität, sind solche Bürden auferlegt. Sie besitzen die besondere Gabe, Energien aufzuspüren, die von Menschen und Tieren ausgehen und sind in der Lage, wahrhaftige Verbindungen einzugehen. Sie verstehen sich nicht als Opfer ihrer selbst. Dies alles erlernen sie auf einer langen Reise der Selbsterkenntnis. Auf dieser Reise ist Achtsamkeit und viel Geduld erforderlich. Ohne Vorverurteilung - ohne Verurteilung. Weder gegenüber sich selbst noch gegenüber denen, durch die sie Respektlosigkeit und Ungerechtigkeit erfahren haben.

Hochsensible Menschen besitzen die Stärke, über ihr Leiden hinauszugehen.


All' diese Erkenntnisse haben mir die Entscheidung erleichtert, insbesondere meinen Eltern zu verzeihen. So habe ich meiner Seele wieder Freiraum gegeben und meinen inneren Frieden mit ihnen gefunden. Das gibt mir Kraft für alles, was da noch kommt.

 

Hochsensibilität ist eine besondere Gabe, die gerade in diesen Zeiten eine Herausforderung ist und an der man über sich hinauswachsen kann! Die Welt braucht genau diese Menschen.

Menschen mit Intuition, Feingefühl, Gerechtigkeitssinn, Weitblick und Durchhaltevermögen.

Das alles ersetzt keine Glaskugel! Hochsensible Menschen sind keine Hellseher. Aber sie besitzen die Fähigkeit, bestehende Strukturen zu hinterfragen und nicht als grundsätzlich gegeben hinzunehmen. HSP'ler analysieren stets ihr Umfeld, in dem sie leben und arbeiten, erkennen dadurch Probleme oftmals sehr schnell, handeln entsprechend besonnen und lösungsorientiert.


Dies ist nur ein kleiner Ausflug hin zu meinen Erfahrungen und Stationen meines Lebens als HSP’lerin, über die ich hier schreibe. Im Grunde könnte ich bereits ein ganzes Buch füllen. Vielleicht tue ich das eines Tages.


Nachwort

Ich führe das Leben einer narzistisch geprägten Kindheit. Inzwischen bin ich der Überzeugung , dass ich meine Hochsensibilität aus reinem Selbstschutz heraus entwickelt habe. Die ständige Überreizung meiner Sinne durch meine narzistische Mutter haben mich zu einem hochempfindsamen Menschen gemacht. Ich ging ständig mit größtem Argwohn durch die Welt. Den permanenten Stimmungsschwankungen meiner Mutter ausgesetzt, fühlte ich mich Tag ein Tag aus wie auf der Flucht. Ich stellte mir als Kind oft vor, dass ich vom Mond gefallen war und, dass ich eines Tages dorthin wieder zurück konnte, um meine Ruhe zu haben. Das erklärt vermutlich auch, warum ich in jungen Jahren mein erstes Praktikum als Fotoassistentin und -laborantin im wissenschaftlichen Bereich – der Raumfahrt – absolvierte. Doch auch dieser Traum ließ sich nicht weiter verwirklichen, weil meine Mutter sich in keinster Weise für meine schulische oder berufliche Entwicklung interessierte. Ganz im Gegenteil: Lernen wurde mit „sich vor der Hausarbeit drücken“ betitelt. Hörte ich beim Lernen heimlich Musik, wurde der Stecker gezogen. Kam ich zu spät nach Hause, durfte ich das Bad nicht mehr betreten. In der Außenwelt erlebt man meine Mutter meist als fürsorgliche und fleißige Hausfrau. Sie konnte ihre Rollen wechseln wie ein Chamäleon seine Hautfarbe. Die Menschen, die ihr im Laufe des Lebens auf die Schliche kamen, verbannte sie, denn sie waren ihrer „Freundschaft nicht würdig“. Sie zettelte immer und überall Streit an, aber stets waren immer nur die anderen Schuld. Ständig bemitleidete sie sich selbst und betitelte ihr Umfeld als undankbar. Ihr Zwang, alles und jeden zu kontrollieren, führte obendrein noch dazu, dass man sich ihrer über kurz oder lang vollkommen entzog. Wie auch ich. Der Tag, an dem ich nur mit dem, was ich am Leib trug und meinem ollen Jutesack, aus dem Haus ging. Ich hatte längst begonnen zu rebellieren, hörte auf, mich ihr zu unterwerfen. Ich schob meine Angst vor dem was kam beiseite. Da das, was meine Seele bereits aufgefressen hatte, mir viel mehr Angst einjagte. Ich schaute nicht mehr zurück, sondern nur noch nach vorn. Mit aller Konsequenz. An meiner Seite hatte ich Freunde, charakterstarke Freunde. Freunde, die meine Mutter nicht geschafft hatte zu vergraulen! Die meisten von ihnen waren verletzte, aber starke Seelen – wie ich. Das schweisste uns zusammen. Sie begleiteten mich durch schwere Zeiten. Doch die schwersten ließ ich bis dahin hinter mir. Ich empfing das Leben mit offenen Armen. Ich erlaubte mir Fehler zu machen und vor allem: aus ihnen zu lernen. Ich verliebte mich das Erstemal in meinem Leben unsterblich. 12 Jahre lang waren wir ein Paar. Wir erlebten gemeinsam viele Konzerte, zogen hier und da durch die Welt und befreiten uns von allem, was uns sinnlos erschien. Für uns lag der Sinn des Lebens einzig und allein im Hier & Jetzt. Für diese Zeit, die ebenso voller Schmerz war, bin ich enorm dankbar. In kaum einer anderen Zeit konnte mich so sehr entfalten. Ich lernte, das Wunden verheilten und mit den Narben zu leben. Und vor allem lernte ich wieder, zu lachen. Ich begriff, dass das Leben eine Reise ohne Fahrplan war. Der Fluss des Lebens. Mal seicht, mal stürmisch und an dessen Ufer man Rast machen konnte. Fühlt man sich stark genug und bereit für weitere Absurditäten des Lebens, ist der Sprung ins kalte Wasser keine Abkühlung, sondern ein Weckruf für neue Abenteuer. Auf dieser Reise sammeln wir Erfahrungen, werden klüger und lernen zu vergeben. Weise werden wir erst, wenn wir erkennen, dass das letzte Hemd keine Taschen hat und die Reise beendet ist. Kein materieller Reichtum der Welt ermöglicht uns ein Ticket für die Ewigkeit. An der letzten Haltestellen steigen wir alleine aus. Was bleibt, sind die Spuren, die wir hinterlassen. Nur zu Lebzeiten haben wir die Wahl, darüber zu entscheiden, ob diese Spuren Unheil anrichten und gar alles vernichten oder, ob wir unseren Nachkommen die Chance geben, das Ruder für die Weiterreise zu übernehmen. Denn nur dann können sie unseren Spuren folgen – Spuren voller Hoffnung auf eine bessere Welt in Frieden und Gerechtigkeit.

„Die beiden wichtigsten Tage Deines Lebens sind der Tag, an dem Du geboren wurdest, und der Tag, an dem Du herausfindest, warum“ (Mark Twain)
 

Seit einigen Jahren betreue ich meine Mutter gemeinsam mit meiner Schwester. Sie benötigt Unterstützung im Alltag und leidet an starken Depressionen, Panikattacken und einer rheumatischen Erkrankung. Sie lebt alleine und zurückgezogen. Sie hat schlechte und gute Tage. An den guten Tagen geht sie spazieren - mal mit, mal ohne Rollator. Wenn wir sie dabei begleiten, nehmen wir öfters auch Marla Peppels mit. Inzwischen liebt meine Mutter Hunde. Jede Hundebegegnung lässt sie erstrahlen. Kleine, glückliche Moment, die mich immer noch hoffen lassen, dass es leichter wird. Leichter, zu akzeptieren, dass meine Mutter sich niemals wirklich ändern wird. Vermutlich fehlt ihr inzwischen, aufgrund ihres Alters und ihrer Krankheit, einfach nur noch die Kraft, ihre Fassade komplett aufrecht zu erhalten. Sie hat niemanden mehr - nur noch meine Schwester und mich.

Da ich gelernt habe, zu vergeben und meine Schwester mit dieser schwierigen Aufgabe der Betreuung meiner Mutter nicht alleine lassen will, habe ich diese Bürde auf mich genommen. Und, weil ich meinem Vater in seinen letzten Stunden ein Versprechen gab. Seine Worte an mich lauteten: „Bitte kümmere Dich um die Mama.“ Die Bitte eines geschiedenen Ehemannes, der es innerlich nie geschafft hatte, sich aus den Fängen seiner narzistischen, manipulativen Ehefrau zu befreien – nach über 28 Jahren Ehe, die in Alkoholabhängigkeit und Gewaltexzessen endete und schließlich ihren gesundheitlichen Tribut forderte. Dass ich eines Tages anfing, meine Mutter als als Narzisstin zu entlarven, war ebenfalls ein sehr langer Prozess. Zu dieser Erkenntnis haben mir ein ehemaliger Streetworker und meine Schwester verholfen. Meiner Schwester hat im Zuge des Erwachsenwerdens die Manipulation und emotionale Erpressung meiner Mutter durchschaut und mir aus meinem "Verdrängungszustand" hinaus geholfen.

Im Laufe meines Lebens war und ist meine Mutter nicht die einzige toxische, missbräuchliche Person gewesen, die mich lange Zeit auf eine harte Probe stellte. Doch hier an dieser Stelle darüber weiter zu schreiben sprengt schichtweg den Rahmen. Denn daraus würde sich ein eigenes, weiteres sehr zeilenfüllendes und schwieriges Kapitel ergeben ...

 

Dieser Blog-Artikel soll in erster Linie all' jene ermutigen, sich zu ihrer Hochsensibilität zu bekennen und vor allem: sie zu erkennen. Nur so können sie ihre eigenen Bedürfnisse klar kommunizieren, sich ihrer Stärken bewusst werden und danach handeln.


Für alle Hochsensiblen.
Für alle Nicht-Hochsensiblen, damit sie besser verstehen. Für mein Schwesterherz. Für Dich, Mama – in der Hoffnung, dass Du hier auf Erden endlich Deinen inneren Frieden findest und nicht erst, wenn Du „oben angekommen bist“. Für Dich, Papa, wo auch immer Du gerade bist. Für alle verlorenen Seelen dieser Welt.
Und:
Für mich selbst.
 

Dieser Blog-Artikel beruht rein auf meinen langjährigen und persönlichen Erfahrungen. Wer Hochsensibilität (HSP) wissenschaftlich auf den Grund gehen will: das Internet ist voll davon und es gibt eine Menge Literatur darüber. Neben der Ermutigung, die ich HSP’lern aussprechen will, rate ich vor allem dazu, sich therapeutische Unterstützung zu suchen. Auch dieser Schritt ist nicht einfach, aber sinnvoll. Besonders in der heutigen schnelllebigen Zeit.


Ich habe keine Angst vor Fragen an mich oder gar Ablehnung, die vielleicht nun aufgrund dieses Blog-Artikels folgt. Vor allen von Menschen, die meinen, mich zu kennen und nun vielleicht an dieser Stelle erschrocken sind.

Unzählige Menschen leiden aufgrund massiv toxischer Beziehungen und bitterer Erfahrungen, sei es im Elternhaus oder in der Partnerschaft, an Depressionen. Ich habe beschlossen, bevor es zu diesen Ausmaßen kommt, eigene Maßnahmen zu entwickeln, um dem entgegenzuwirken. Das Fotografieren und Schreiben hat mir immer geholfen, meine Seele von unnötigem Ballast zu „befreien“. Und: anderen Menschen in ähnlichen Situationen zu ermutigen, dass es sich lohnt zu kämpfen und den Blick vor allem stets nach vorn zu richten. Nach Regen folgt immer wieder Sonnenschein und nur wer den Blick aufrecht hält, kann in der Dunkelheit die Sterne am Himmel erkennen.

DANKE an alle, die bis hierhin gelesen und mir ihre wertvolle Zeit geschenkt haben!


© Text: Alexografie / Alex We Hillgemann - Januar 2023

© Photos: Alexografie (Alex We Hillgemann), Wix


55 Ansichten

Aktuelle Beiträge

Alle ansehen
bottom of page